Leben mit dem Hundetier

L auf der Stirn

Neulich bei Facebook: In meiner Timeline erscheint der Kommentar einer Freundin zu dem Beitrag einer Hundeschule. In dem Beitrag ging es um den Freilauf von Hunden. Sinngemäß kommentierte sie, dass alles eine “Erziehungs- und Vertrauenssache” wäre.
Ohne es beabsichtigt zu haben, hat sie bei mir damit den Finger in die Wunde gelegt. 

Gefühlte 1.000 Male habe ich andere Hundehalter beneidet, die während des Spaziergangs die Leine lässig um den Hals tragen können, die sich einfach mal keine Gedanken darüber machen, wo das nächste Reh um die Ecke kommt, die völlig entspannt ihre Tut-Nixe auch mal kurz aus den Augen verlieren, weil diese eben keine zig Kilometer einem Hasen hinterher jagen. Dass diese Spezies nervtötend für andere sein kann, ist eine andere Geschichte.

Das Emmchen hat lebenslänglichen Leinenknast und ich fühle mich dabei wie ein Versager.
Wir haben zusammen trainiert. Schleppleine, Super-Rückruf, Kurse in der Hundeschule, Anti-Jagd-Training, Jagd-Ersatz-Training, Zeigen und Benennen und und und.
Unsere Spaziergänge sind ein Traum. Sie schaut alle paar Meter zurück, kommt aufs Wort, arbeitet jederzeit mit mir zusammen, findet verlorene Sachen und ist immer mehr an mir als an anderen Hunden interessiert. Bis ein Hase auftaucht oder ein Reh oder ein Fuchs oder eine Katze oder eine Maus. Es ist eigentlich völlig egal, was da auftaucht. Es reicht auch schon, dass sie glaubt, dass da irgendwo etwas ist, dem man nachlaufen könnte.

Hat sie erstmal eine Witterung oder Sichtung aufgenommen, kennt sie keine Freunde mehr. Mich schon mal gar nicht. Die Super-Jackpot-Belohnung dürfte ich in diesen Momenten gern an jeden anderen verschenken. Und auch ein charmanter Border Collie (jeder BC bedeutet bei ihr die große Liebe) würde von ihr mit keinem einzigen Blick gewürdigt werden.

Und dann kommen die guten gut gemeinten Ratschläge. “Lass sie laufen, die kommt schon wieder!”, “Ein Hund muss frei laufen dürfen sonst wird er aggressiv.”, “Immer nur an der Leine ist Tierquälerei”, “Im Alter hört der Jagdtrieb auf.”

Ja sie kommt wieder. Irgendwann. Aber nur wenn es zwischendurch auch bitte nirgendwo knallt. Dann würde sie vor lauter Panik noch weiter das Weite suchen. Vielen Menschen ist es auch schlicht egal, ob sich Reh oder Hase in der Zeit verletzen oder einen Herzinfarkt bekommen, weil sie gehetzt werden. Tierliebe hört gern vor der eigenen Haustür auf.

Auf das Alter habe ich große Hoffnung gesetzt. Irgendwann MUSS sie doch mal ruhiger werden. Ja stimmt! Inzwischen ist ihre Kondition so schlecht, dass ich ernsthaft über die Anschaffung eines Joggers/Anhängers für längere Touren nachdenke. Ihren Jagdtrieb beeinflusst das null. Bis zur totalen Erschöpfung sind es dann eben nicht mehr 10 sondern 2 Kilometer. Vermutlich würde sie eher einen Kreislaufkollaps vor Anstrengung bekommen als auf die Jagd zu verzichten.

Es gibt tatsächlich einen Ort, an dem ich sie frei laufen lassen kann. Strand! Natürlich nicht jeder Strand. Auf Föhr gibt es zum Beispiel mehr Kaninchen als Krabben. Aber an den Steilküsten der Ostsee oder früh am Morgen an der Nordsee kann sie nach Herzenslust laufen.

Leider ist das Meer aber doch zu weit weg, um dort jeden Tag spazieren zu gehen.

Und während ich genervt bin, dass ich schon wieder die Schlepp dabei habe und keine Leine lässig um meinen Hals baumelt, merke ich, dass unsere Spaziergänge gar nicht so schlecht sind. Ich muss mich viel mehr mit ihr beschäftigen. Ich habe keine Angst, dass sie plötzlich über eine Straße laufen könnte. Ich kann den Tut-Nix, der eigentlich ein Tut-doch-was ist, schon blocken, bevor er das Emmchen umpflügen kann. Wenn sie nach dem Gassi zufrieden und ausgepowert pennt, denke ich nicht, dass die Schleppleine einen dauerhaften psychischen Schaden verursacht. Und noch viel weniger habe ich das Gefühl, dass etwas an unserem Vertrauen nicht stimmt.

Wer wirklich glaubt, dass ein funktionierender Rückruf nur von Erziehung und Vertrauen abhängig ist, der hat einfach das Glück, einen Hund ohne ausgeprägten Jagdtrieb zu haben. Ihr könnt sicher sein, ich beneide euch und fühle mich wie ein Loser, wenn ihr mit euren Hunden offline die Natur genießen könnt.

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2 Kommentare

  • Christin L.

    Hallo Ihr zwei.
    Also ich habe eine Rudel von 4 Hunden. ( 1 Golden-Mix Hündin, 1 Podenco- Mini-Pinscher Hündin, 1 Spitz-Mix Rüden (Jagdtrieb ausgesprägt) , 1 Pointer, Labrador Mix Rüden)
    Meine beiden Damen kann ich ohne Leine ab und zu laufen lassen, da sie sehr darauf achten das ich nicht zu weit weg bin.
    ABER – Leine ich meinen Pointer-Mix Rüden mit der Golden-Hündin ab kennen die beiden nur noch SPIELEN-SPIELEN-SPIELEN diese Spiele bestehen nur aus ich jage dich und du dann mich. Aber eben in weiter entfernung was ich nicht so toll finde.
    Mein Spitz-Mix Rüde kann ich nur ableinen wenn keine Straße in sichtbare Ferne, er keine Spur aufgenommen hat oder irgendwas seine Aufmerksamkeit hat, er kennt nichts und niemanden mehr so bald er eine Spur wittert, ein Wildtier vorbei rennt oder ein weißer Transporter in der Weite sichtbar auf der Straße entlang fährt.
    Die kleine Podenco-Mix Dame dackelt mir brav hinterher. Und auch bei Katzen versteht sie nicht was es ist als hinzustörmen.
    Aus dem Grund weis ich genau wie du dich fühlst wenn Anti-Jagd-Training oder Schlepp-Leine nichts nützen.
    Aber deswegen fühle ich mich nicht als Loser oder Versager.
    Erstens habe ich als Hundehalter in jeder Situation Pflichtbewusst zu handeln gegenüber meinen Hunden sowie anderen Lebewesen außerhalb des Hauses.
    Wenn ich in den Wald gehe wo definitiv Rehe und Füchse usw. wohnen betrete ich deren Territorium und meine Hunde bleiben an der Leine. Punkt. Ich habe dabei kein schlechtes Gewissen denn meine Hunde können an der Leine ebenso schnüffeln und die Welt entdecken wie ohne, eben in sicherer Entfernung.
    Ich habe schon gesehen wie ein Wildschwein einen Hund mit seinen Hauern aufgeschlitzt hat. Und? War es das nun Wert dem Hund alle Freiheiten zu lassen? – Nein.
    Wenn ich mir nicht hunderprozentig sicher bin das mein Rückruf fruchtet weil vllt. irgendwas anderes die Aufmerksamekeit der Hunde auf sich zieht, dann bleiben sie an der Leine. Denn die Unsicherheit überträgt sich auf meine Körperhaltung und Stimme und diese widerrum auf meine Hunde. Somal Hunde Gedanken lesen können.
    Meine Hunde können auf einer bestimmten Wiese ( draußen in der Natur) rennen und toben und schnüffeln – so lange kein anderer Hund lang lief oder gerade Katzen dort sind.
    Mit genügend Spaziergängen welche auch das Hirn auslasten finde ich es nicht schlimm wenn ein Hund die meiste Zeit des Spaziergangs an der Leine ist.
    Im Garten im Haus können sie auch rennen und toben. Da meine Hunde ausgelastet und glücklich jeden Tag auf dem rücken mit allen vieren von sich gestreckt schlafen , sehe ich keine deprimierte oder gequälte Stimmung bei Ihnen weil sie draußen nicht zu 100% tun dürfen was sie wollen.
    Ich baue auf meinen Spaziergängen vieles ein – schnüffeln – buddeln – kleiner Hinderniss Parkur wenn ich Baumstumpen sehe- Springen über Fels-Steine usw. .

    Man muss immer bedenken das im Wald die Rehe nahe des Wegrands liegen in den Büschen oder schnell ein Fuchs den weg kreuzt.
    Ich persönlich habe noch kein Waldspaziergang erlebt ohne ein Wildtier gesehen zu haben.
    Das finde ich toll- denn ich beobachte gerne die Wildtiere.
    Und kein Hunderhalter dieser Welt kann zu 100% mit Sicherheit sagen ” Mein Hund kommt immer egal was dort lang rennt” .
    Es sind Beutetiere- sie haben den Instinkt in sich – und wie gesagt es sind TIERE keine Kinder den du die Folgen erklären kannst.
    Und ich möchte nicht verantowrtlich sein wenn einer meiner Hunde jagen gehen würde und plötzlich eine Horde Rehe über die Straße jagt und dann ein Auto kommt und nicht nur das Reh , der Hund verletzt oder gar tot ist, sondern auch noch ein anderer Mensch verletzt wird oder schlimmeres.
    Wir haben die Verantwortung für das Wohle unserer Tiere und Mitmenschen denen wir sie aussetzen.
    Demnach – bist du nicht sicher dann bleibt er dran. Punkt . Das ist nicht schlimm. Wenn ich natürlich innerlich trauere weil das so ist empfindet der Hund das auch als was schlechtes. Also, du bist kein Loser und alle anderen auch nicht die ebenso handeln.
    Und mit mangelnden Vetraueren und Bindung hat das in meinen Augen nichts zu tun.
    Ein Tier bleibt ein Tier – egal wie stark die Bindung oder das Vetrauen! – Ur-Instinkte kann man nicht abgewöhnen.
    Meine Hunde sind vorwiegend aus dem Auslandstierschutz. Einer musste auf der Straße sogar jagen um zu überleben. Sowas prägt auch wenn er täglich seine Mahlzeiten von mir mit Liebe zubereitet bekommt.
    Instinkt ist kein Verhalten – es dient den Tieren zu überleben. Also mach dir da keine Sorgen-wenn du glücklich damit bist und Sicherheit dem Hund ausstrahlst empfindet er dies nicht als was schlimmes! Und wenn du mehr wie eine Runde ums Haus spazieren gehst hat er auch mit Leine genug Bewegung und Auslauf! Auslauf bedeutet schließlich nicht gleich Freilauf!

    Liebe Grüße aus Sachsen-Anhalt und danke für deine Tollen Rezepte! 😉

    14. August 2018 um 14:02 Reply
    • Das Hundetier

      Vielen Dank für deinen Zuspruch und deine Erfahrungen. 🙂
      Mir geht es in vielen Punkten so wie dir und an manchen Tagen bin ich auch wirklich froh, dass sie an der Leine ist, weil ihr dann einfach nichts Schlimmes passieren kann.
      Aber manchmal nervt dieses Ding in der Hand. 😉
      LG Inga

      14. August 2018 um 15:28 Reply

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